Malerei – Installation
und
Vermittlung der Kunst und Ästhetik Japans

‚Begegnung’

Einführende Worte von Lydia Brüll anlässlich der Eröffnung der Ausstellung von Frank Merten, Berlin, am 14. April 2018

‚Schwarz trifft Weiß’, so könnte diese Ausstellung auch überschrieben sein. Denn mit Pinsel und schwarzer Tusche aufgebrachte Linien auf weißem Grund sind auf den Exponaten des Künstlers Frank Merten zu sehen. Die Aussagekraft der gegensätzlichen Nichtfarben Schwarz und Weiß wird in eindrucksvoller Vielfalt von ihm ausgelotet. Den einen sind diese Linien vertraut, anderen erscheinen sie exotisch. Lässt sich der Betrachter auf die Exponate näher ein, erkennt er in den expressiven Linien jedoch Unterschiede: Wir sind gewohnt mit den Buchstaben des Alphabets zu lesen und zu schreiben, Chinesen und Japaner verwenden dafür Schriftzeichen.

Diese uns fremd anmutenden Strichgebilde entwickelten sich einst aus Bildern und skizzenhaften Darstellungen von Gegenständen. Allmählich verloren sie ihre Bildhaftigkeit und wurden zu einem Schriftzeichen, die vor allem der Vermittlung von Inhalten dienen. Zunächst wurden sie auf Schildkrötenpanzern und Tierknochen eingeritzt, in Metalle und Steine graviert, später wurden schmale Holz- und Bambusplättchen beschriftet, und schließlich auf kostbarer Seide und Japanpapier mit Tusche geschrieben. Im Lauf der Zeit entwickelte sich beim Verfassen von Briefen, Gedichten sowie historischen und philosophisch-religiösen Texten der fernöstliche “Weg des Schreibens” (Shôdô, shô/Schreiben, dô/Weg) zu einer eigenständigen Kunstform mit verschiedenen Stilrichtungen.

Durch Druckstärke, Richtung, Geschwindigkeit und Rhythmus des Pinsels wird eine variationsreiche Gestaltung der Pinsellinie möglich. Der Augenblick des zügigen Schreibens verlangt Spontaneität und höchste Konzentration. Der Fluss der frischen, lebendigen Tuschespur muss bis zum Ende durchgehalten werden. Denn die Linie muss sich ohne Rückwendung und Korrektur auf ihrem einmal eingeschlagenen Weg fortentwickeln und eine Komposition bilden. Der Schriftkünstler kann seinen Charakter und seine Emotionalität in einzigartiger Art und Weise ausdrücken und so über die handwerkliche Anonymität hinausgehen. Es entstehen kleine und große Kunstwerke. Shôdô darf somit nicht mit einer dekorativen, unpersönlichen Schönschrift gleichgesetzt werden.

Viele Künstler/Innen haben ein besonderes feeling für interkulturelle Begegnungen. Zu ihnen gehört auch Frank Merten. Seit dem 19./20. Jahrhundert lassen sich japanische Schriftkünstler in verstärktem Maße von westeuropäischen und nordamerikanischen Kunstrichtungen wie etwa der informellen Malerei, des abstrakten Expressionismus und dem action painting inspirieren. Im Gegenzug begeisterten sich avantgardistische Richtungen des Westens für die ausdrucksvollen “Pinselschriften” Ostasiens. Auf beiden Seiten hat diese Begegnung weltberühmte Künstler hervorgebracht, die sich in der Abstraktion treffen.

Eine reiche Auswahl an verschiedenen Pinseln (fude), schwarzen Tuschesteinen, die Frank Merten traditionell mit Wasser auf dem Reibstein zur Tusche (sumi) zerreibt, und handgeschöpftes Japanpapier sind seine Materialien. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin. Seine künstlerische Karriere begann er mit Aktzeichnen, wandte sich dann der Radiertechnik, der Lithographie und Ölmalerei zu. Seit 1991 folgt eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland. Ab 2001 entdeckte Merten seine Liebe zu der ostasiatischen Pinselschrift. Mehrere Jahre nahm er bei der bekannten japanischen Kalligraphie-Meisterin Prof. Suiko Shimon (Kioto/Berlin) Unterricht und erlangte Meisterschaft in der Beherrschung der strengen Kompositionsregeln des Shôdô und im Schreiben japanischer Texte. Im Jahr 2016 erfolgte der Abschluss zum Kalligraphie-Meister bei der Korea Calligraphy Association Seoul und 2017 erhielt er das Diplom des Tokyo Metropolitan Art Museum. Seit 1991 wurde Merten durch seine zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland bekannt und wurde mit mehreren Preisen auf der südkoreanischen World Calligraphy Bienale (of Jeollabuk-do) ausgezeichnet. Siehe die Kalligraphien mit dem chinesisch/japanischen Schriftzeichen für Herz/Geist (kokoro, s. “Aktuelles”: Bild 1 l), mit dem Schriftzeichen für “Die Wolke selbst” (Bild 1 m), mit dem Schriftzeichen für Blume (hana, Bild 2 r).

Stets offen für Neues überschreitet Merten bald kulturelle Grenzen und sucht nach einem eigenen künstlerischen Ausdruck: Er wagt das Experiment der “Begegnung” zwischen deutscher Sprachheimat und ostasiatischer Pinselschrift. So begrüßen den Betrachter in den beiden Licht durchfluteten Ausstellungsräumen beispielsweise die großformatige Hängerolle mit dem deutschen Wortgebilde “Ohne Ziel” in ostasiatischer Schriftweise (Bild 1 rechts) oder “Alles Wagen” (Bild 4), Wortgruppen und Begriffe wie “Wasser für alle”, “Jetzt” (Bild 5), “Frohsinn”, “Nur eine Erde” (Bild 3) lässt der Künstler als Sinn-Bild auf Japanpapier in abstrahierter Form wiedererstehen. Dass in diesen Pinselschriftbildern wesentliche Themen der menschlichen Existenz verhandelt werden, ist spannend zu erleben. Aus den Schriftbildern spricht die Realität, auf die der Mensch sich einlassen und mit ihr umzugehen lernen muss. Sie drücken den ewigen Wandel aus, der vor Erstarren und Eintönigkeit bewahrt und uns den Augenblick mit seinen je neuen, besonderen
Erfahrungen wahrnehmen lässt. Wie facettenreich diese Zeichengebilde sind, wird mir während des Gesprächs mit dem Künstler bewusst, als die Objekte an den Wänden immer wieder durch die wechselnden Lichtverhältnisse ihre Wirkung verändern. Ein faszinierender Wandel, dem auch das Auge des Betrachters und seine Aufmerksamkeit unterliegen.

Mertens Werke sind Experimente eines ernsthaften künstlerischen Geistes, der die Pinselschrift der Gegenwart bereichert und neue Wege aufzeichnet. Seine an- und abschwellenden Tuschespuren sind lebensvoll, expressiv, dynamisch, teilweise spielerisch, humorvoll. In den ausgesparten weißen Flächen ist die Schönheit im Gleichgewicht, in der Ausgewogenheit und im Kontrast zu finden. Die Begegnung zwischen deutschem Wort und ostasiatischer Pinselschrift erfordert ein feines Gespür für die formalen Möglichkeiten der Pinselschrift und dem jeweiligen Wortsinn. Das Ergebnis ist eine hochinteressante Kommunikation zwischen Wort- und Bildebene mit großer Wirkkraft. In der Flut von Bildern und Worten, die unseren Alltag heute bestimmen, wird der Betrachter angeregt in dieser außergewöhnlichen und unangepassten Darstellung von Wort und Bild, den einzigartigen Assoziationen, die er dazu selbst in sich trägt, zu lauschen.