Malerei – Installation
und
Vermittlung der Kunst und Ästhetik Japans

‚Begegnungen und ihre Zwischentöne’

Einführende Worte von Lydia Brüll anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 30. Oktober 2010

Zur Eröffnung der Ausstellung begrüße ich Sie sehr herzlich. Besonders herzlich möchte ich den Künstler Herrn Weniger-Espelöer aus Iserlohn willkommen heißen. Ich freue mich, dass ich ihn mit seinen Objekten in Glas für diese Ausstellung gewinnen konnte. Sein Interesse an der Glaskunst begann mit der Begegnung der Dortmunder Glaskünstlerin Heide Kemper, in deren Workshops er sich zunächst die Grundkenntnisse über die Verarbeitung des Werkstoffs Glas aneignete. Nach Abschluss seines Objekt-Design-Studiums an der Fachhochschule Dortmund folgten dann Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen, auf denen seine Objekte große Beachtung fanden. Ich danke Dir, Christian, dass Du heute bei uns bist.

Herzlich willkommen heiße ich auch Herrn Hennenberg und Herrn Maas von der Musikschule Warendorf/Beckum, welche diese Vernissage musikalisch begleiten. Mein besonderer Dank geht an die Presse.

„Die Kunst kann den Menschen nicht retten,
aber mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich,
welcher zu einem Menschen bewahrenden Handeln aufruft,“
so die Worte des bekannten Künstlers Günther Uecker.

Unser Alltag ist von vielfältigen Begegnungen geprägt: Die Begegnung mit uns selbst, die Begegnung zwischen uns und dem Du, die Begegnung mit der Natur und mit allem Geistigen, wie der Religion, der Wissenschaft und der Kunst. Begegnungen und die damit verbundene verbale und nichtverbale Kommunikation sind etwas Alltägliches und verlaufen scheinbar selbstverständlich und ohne Schwierigkeit. Aber eben nur scheinbar. Denn Begegnungen bergen Vieldeutigkeiten und Vielwertigkeiten, die oft zu Missverständnissen führen. Besonders problematisch wird es, wenn wir mit etwas Neuem, Unbekanntem, Ungewohntem konfrontiert werden.

In Worten, Bildern, Melodien, Gestik schwingen Gefühlslagen und Zwischentöne mit. Mit Zwischentönen meine ich Schattierungen, Abstufungen, Feinheiten, jene Nuancen, die Begegnungen interessant und spannend, manchmal aber auch schwierig machen. Sie können leise, zaghaft, beschwichtigend, betörend, verzaubernd, aufregend sein, können jedoch auch misstönig, aggressiv, verletzend sein. Ihre Facetten sind schier unbegrenzt. Jeder von uns weiß darum. Jeder von uns muss damit umzugehen lernen.

Aber jedem von uns fällt auch immer wieder auf, dass gerade jenes Unausgesprochene und dennoch Unüberhörbare, jenes Unsichtbare und dennoch Unübersehbare, jene Zwischentöne eben, oft nicht bewusst beziehungsweise erst mit Verzögerung wahrgenommen werden.

Gründe dafür gibt es viele: da sind wir gerade nicht ganz bei uns, oder sind in Hektik oder möchten uns in eben diesem Moment nicht damit beschäftigen usw., usw.

Echte Begegnungen setzen jedoch unser Offensein gerade für die Zwischentöne voraus. Nur wenn wir unsere Wahrnehmung schulen, das heißt, uns darin üben, ganz bei der Sache zu sein, erst dann können wir uns ansprechen, anrühren lassen, sind wir bereit, vielleicht alte Gewissheiten, Seh- und Hörgewohnheiten auch in Frage zu stellen, unseren sicheren Hafen zu verlassen und uns ins Unbekannte hinaus zu wagen.

Begreifen wir ‚Begegnung’ in diesem Sinne als einen offenen, kreativen Prozess, beginnen ‚Zwischentöne’ in uns sinnlich, emotional, mal momentan, mal dauernd wirksam zu werden. In uns vollzieht sich eine neue, gewandelte und dadurch auch differenziertere Sichtweise. Und wenn dies geschieht, sprechen wir von einer fruchtbaren Begegnung. Fruchtbar deswegen, weil zwei Seiten – ich und das Gegenüber in produktive Beziehung treten, wir uns verständigen. Wie wichtig, ja not-wendend solch produktive Begegnungen in Gesellschaft und Politik weltweit sind, sehen wir aktuell beispielsweise an dem Problem der Integration.

Auch eine fruchtbare Begegnung mit der Kunst setzt bewusstes Hinsehen, Hinhören und Hinfühlen voraus. Denn was ist das Anliegen eines Künstlers? Er bearbeitet ein für ihn und die Gesellschaft wichtiges Thema, z. B. das der „Zwischentöne“. Er bearbeitet das Thema aus seiner Sichtweise, wie er Begegnungen im Alltag erlebt, welche Erfahrungen er dabei macht, und wie er im Alltag damit umgeht. Diese Erfahrungen setzt er dann in seinen Arbeiten künstlerisch um.

Mit seinen Exponaten möchte der Künstler dem Betrachter etwas mitteilen, ihn teilnehmen lassen, Anstöße zum Reflektieren geben, mit ihm kommunizieren, und ihn fragen: „Wie gehen Sie mit dem Thema ‚Begegnungen und ihre Zwischentöne’ um?“ „Was haben Zwischentöne mit Ihrem Alltag zu tun?“, „Was lösen die Exponate in Ihnen aus?“ Dieses Kommunizieren mit dem Betrachter ist für den Künstler die bleibende Sinnhaftigkeit seines Tuns.

Beim Wahrnehmungsumgang mit einem Kunstwerk geht es nicht um das Qualifizierungsschema wahr/falsch, schön/hässlich, gut/böse – dieses Schema mit seinen jeweiligen normativen Bestimmungen wurde und wird, wie wir wissen, je nach Zeitgeist immer wieder neu definiert. Es geht also nicht um wahr/falsch, schön/hässlich, gut/böse, sondern um fruchtbar/unfruchtbar. Als unfruchtbar bezeichnen wir, was das Kommunizieren zwischen Künstler und Betrachter einschränkt oder gar unmöglich macht. Als fruchtbar bezeichnen wir alles, was eine verbale und nichtverbale Kommunikation aufrechterhält, ja intensiviert und belebt.

Beim Betrachten eines Kunstwerkes geht es zunächst um die Wahrnehmung einer materiell gegebenen Form. Wir sehen Farben in ihren Schichtungen, Überlagerungen und in ihrem Ineinanderwirken, wir sehen Streifen, geometrische Formen, Zeichengefüge usw., usw. Aber es wird uns auch klar, dass diese materiell gegebene Form für mehr, für eine Inhaltlichkeit, die uns noch verborgen ist, steht. Dieses noch Verborgene erhellt sich dem Betrachter, wenn während seiner Begegnung mit der materiell gegebenen Form das Zusammenspiel zwischen seinen Assoziationen und dem Gegenüber einsetzt. Und damit beginnt auch der sich ständig verändernde Prozess der vielen Zwischentöne. Erhalten die Zwischentöne eine Bedeutung, die sich über das gesamte Kunstwerk erstreckt, rührt der Betrachter auf seine Weise an den Wesenskern eben desselben.

Wenn Sie bereits einen Rundgang durch die Ausstellung gemacht haben, konnten Sie vielleicht feststellen, dass in den Glasarbeiten von Herrn Weniger Espelöer und in meinen Bildern – trotz sehr unterschiedlicher Materialien – Farbgebungen und Farberfahrungen, vereinfacht und reduziert sind. Im Mittelpunkt steht die abstrahierte Bildsprache.

Wir haben viel Zeit und Mühe und Gespräche darauf verwendet, sowohl die Glasobjekte als auch die Bilder so zu hängen beziehungsweise anzuordnen, dass sich je nach Standort des Betrachters unterschiedliche Farb-Dialoge ergeben: sei es innerhalb eines Bildes oder innerhalb eines Glasobjektes; oder zwischen zwei Bildern; oder zwischen diesem Glasobjekt und jenem Glasobjekt oder zwischen Bildern und Glasobjekten.

Der Blick soll nach allen Seiten hin wandern, verweilen und weiter wandern. Die Schwingungen der Zwischentöne werden oft erst durch Nachbarschaften sichtbar oder in ihrer Wirkung verstärkt. Somit entstehen vielfältige spannende und faszinierende Wahrnehmungserfahrungen.

Ein besonderer Reiz dieser Ausstellung liegt in dem Gegenüber von der Transparenz, Festigkeit und Zerbrechlichkeit des Glases und seiner ganz besonderen Farbwiedergabe und Lichtreflektierung einerseits und der Kompaktheit einer Leinwand mit ihren unterschiedlichen Techniken der Farbaufträge andererseits. Bei manchen Exponaten sinkt der Blick in eine tiefe Dunkelheit und erkennt oder erahnt in der Tiefe unzählige Farbschichten. Oder lichte Farbtöne tragen den Blick über das Exponat hinaus. Verdichtung und Auflockerung, Verdunkelung und Erhellung, gewagte Kombinationen und Kontraste von Farbtönen wechseln miteinander ab.

Auch der Linie – der horizontalen, der vertikalen und der geschwungenen Linie – kommt sowohl bei den Glasobjekten als auch den Bildern eine Bedeutung zu. Scheinbar eigenständige Linien stehen in engem Dialog zu den Farbflächen; oder vertikale Spuren bahnen sich ihren Weg durch das Werk und rhythmisieren es; horizontale Linien betonen den Gegensatz oder den Einklang zweier Farbflächen. Geschwungene Linien scheinen heiter durch das Glasobjekt oder das Bild zu schweben.

Herr Weniger Espelöer und ich wünschen Ihnen, dass das Gesamtbild dieser Ausstellung als ein Spiel zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Kontrast und Harmonie, zwischen Gewohntem und Unerwartetem für Sie sichtbar wird – wir wünschen Ihnen eine je eigene spannende und lustvolle Entdeckungsreise.

Ich danke Ihnen