Malerei – Installation
und
Vermittlung der Kunst und Ästhetik Japans

‚Faszination Keramik’

Einführende Worte von Lydia Brüll anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 1. Oktober 2011

Guten Abend liebe Freunde und Gäste – herzlich willkommen in meinem Kunstatelier. Es ist für mich eine besondere Freude, Sie heute mit einem Künstler und seiner außergewöhnlichen Keramik vertraut zu machen – einer Keramik, in der sich der Dialog zwischen Tradition und Moderne offenbart. Ich begrüße mit Ihnen sehr herzlich Herrn Isamu Houshido aus Japan.

Danken möchte ich dem Japanischen Generalkonsulat Düsseldorf, das die Schirmherrschaft über diese Ausstellung übernommen hat, und der DJG Dortmund in der Auslandsgesellschaft NRW. Ein herzliches Danke geht auch an die JaDe-Stiftung Köln für ihre großzügige finanzielle Unterstützung. Last but not least gilt mein ganz besonderer Dank Frau Yoshiko Watanabe-Rögner, der Initiatorin Herrn Houshido nach Deutschland geholt und ihn und seine Ausstellung umsichtig und kompetent betreut zu haben.

Aus dem Zusammenspiel der Naturelemente – Erde, Wasser, Feuer, Luft und der menschlichen Kreativität entstehen Erzeugnisse, die das Leben des Menschen seit Jahrtausenden nicht nur erfreuen, sondern auch als Gebrauchskunst für ihn von Bedeutung sind. Es ist die Welt der Keramik – es ist die Welt des Künstlers Houshido.

Japan blickt auf eine lange Geschichte der Keramikkunst zurück. Sie beginnt im Neolithikum und hat sich im Lauf der Jahrhunderte durch Einflüsse aus Korea und China zu einer hohen Kunstform entwickelt, in der Philosophie, Religion, Ästhetik und individuelle Kreativität zum Ausdruck kommen.

Seit dem 16. Jahrhundert hat die Keramikkunst in Japan mit der Entwicklung der Teezeremonie einen Höhepunkt erfahren. Denn bei der Teezeremonie werden verschiedene Gegenstände wie Wasserbehälter, Teedose, Teeschale, Blumenvase, Räucherwerkdosen verwendet. Damit bot sich ein reichhaltiges Betätigungsfeld für die Töpfer an.

Heutzutage wird in mehr als 100 Töpferorten, die oft traditionelle Wurzeln haben, professionell gearbeitet. Der japanische Staat fördert die Erhaltung und Entwicklung aller künstlerischen Traditionen. Verdiente Töpfer können sogar zum „Lebenden Nationalschatz“ (ningen kokuhô) ernannt werden.

Die gegenwärtige Keramikkunst Japans wird von einer gestalterischen und technischen Vielfalt und einem Nebeneinander uralter Traditionen und moderner Einflüsse, auch westlicher, bestimmt. Andererseits hat Japan aber auch die Keramik des 20. Jahrhunderts in Europa nachhaltig geprägt.

Der Künstler lebt heute in Shinshiro-shi (Aichi-Präfektur, Hauptinsel Honshû) am Fuß des Berges Funatsuki. Dort lebt er ganz für seine Kunst. Sein Motto lautet „von der Natur lernen“ (shizen kara manabu). Seine seit 1990 regelmäßig stattfindenden zahlreichen Ausstellungen in Yokohama, Nagoya, Matsuyama, Kioto, um nur einige zu nennen, machten ihn zu einem anerkannten Künstler in Japan. Umso erfreulicher ist es, dass er seinen Weg zu uns in die BRD gefunden hat.

Sein Werk macht uns mit einer besonderen Keramiktradition Japans vertraut: mit der sog. Anagama-Technik. Wer schon einmal mit Ton gearbeitet hat, weiß, dass diese Tätigkeit durch ihre haptische Seite eine hohe sinnliche Qualität besitzt. Das Material fordert den Töpfer heraus, denn nicht immer macht das Material das, was es soll. Das Material gestaltet sozusagen mit. Der Künstler befindet sich also ständig im Fluss des intuitiven Tuns mit seinem Material.

Houshido arbeitet mit verschiedenen Tonarten, zum Beispiel mit aus alten Lehmschichten gewonnenem Ton oder mit einem speziellen Ton aus Takahama (Aichi-Präfektur), da dieser Ton einen hohen Eisenanteil enthält und für seine dunkle Farbe bekannt ist. Außerdem enthält dieser Ton Kieselsäure, die ihn für höhere Temperaturen resistent macht. Ein Nachteil ist, dass dieser Ton schnell die Form verliert, daher sehr schwer zu gestalten ist. Beide Materialien eignen sich besonders gut für größere Gegenstände.

Die Tone werden von ihm von Hand aufbereitet. Beim Aufschlämmen und Sieben werden grobe Partikel entfernt, feinere Körner werden jedoch bewusst im Ton belassen. Durch das Schlagen des Tons oder durch das rhythmische Spiralkneten (kikumomi) werden Luftbläschen entfernt und dadurch die Verformbarkeit des Tons erhöht. Houshido legt auf die natürliche Belassenheit seines Materials großen Wert. Auch bei der Farbgebung meidet er chemische Zusätze. Vielmehr nutzt er die farbliche Beschaffenheit der verschiedenen Tone aus. Die Farbe Weiß erreicht er durch Verwendung von Kaolin, Porzellanerde, einem feinen, eisenfreien, weißen Gestein. Möchte er eine besonders dunkle, fast schwarze Färbung des Tons erzielen, dann fügt er diesem Steinpulver aus den Steinen des Kamo-Flusses (Kioto-Präfektur), die sehr eisenhaltig sind, zu. Außerdem nutzt er die beim Brennvorgang natürlich entstehenden Farben, die sich je nach der Temperatur, der Sauerstoffzufuhr und den sich im Brennraum entwickelnden Flammen ergeben, aus.

Der jeweilige Ton wird zu Schalen, Vasen, Tellern, Figuren geformt, manchmal mit Hilfe einer Drehscheibe, zumeist aber nur mit den Händen. Danach trocknen die Gefäße. Die Zeit des Trocknens ist abhängig von der Tonart und der Größe der Keramiken. Kleine Keramiken ein Tag, große bis zu vier Wochen. Die Objekte werden vor dem Brand nicht glasiert. Alle Arbeiten Houshidos sind Unikate.

Für das Brennen seiner Objekte verwendet er den so genannten Anagama-Ofen: Anagama heißt übersetzt Höhlenofen (ana: Loch oder Höhle, gama: Ofen), im allgemeinen Holzbrennofen genannt. Deshalb spricht man auch von der Anagama-Keramik/Technik. Die Wurzeln dieses Ofens liegen im asiatischen Raum, vorwiegend in China, Japan und Korea, wo er eine Jahrhunderte lange Tradition hat. Eigentlich ist ein Anagama-Ofen ein relativ einfacher Ofen, eine Art Tunnel, eine Höhle mit einer oder mehr Kammern, in die allerdings ziemlich viel Keramik hineingestellt werden kann – in der Regel 150 bis 350 Stücke, je nach Größe. Hinten befindet sich für den Rauchabzug die Esse, vorne eine Feuerstelle.

Das Wesentliche eines Anagama-Ofens ist der gemeinsame Brenn- und Feuerraum und die Möglichkeit hoher Brenntemperaturen bis zu 1200° und mehr. Typisch für ihn ist auch die lange Brennzeit von mindestens vier Tagen und Nächten. Währenddessen wird der Ofen ca. alle drei Minuten ununterbrochen, also Tag und Nacht mit Holz geheizt wird. Seinen ersten Anagama-Ofen baute Houshido-Sensei 1976. Mittlerweile arbeitet der Künstler mit vier solcher Öfen unterschiedlicher Größe.

Mit Feingefühl und Geduld werden die einzelnen Keramiken unglasiert in den Ofen gesetzt. Den richtigen Platz für jede einzelne Rohware im Ofen zu ermitteln, ist wichtig, da der Keramiker mit der Anordnung der Gefäße das Ergebnis beeinflusst. Der Töpfer muss also die Einzelteile dorthin stellen, wo er aus Erfahrung weiß, da schlägt die Flamme mehr, hier schlägt sie weniger durch. Viele Faktoren beeinflussen den Brand, wie zum Beispiel die Dauer, die Temperatur, die Füllmenge im Ofen, die Wetterlage, vor allem aber die Art des Brennholzes. Das Holz – Houshido verwendet japanische Zeder und Zypresse – holt er aus seinem Wald und schneidet es maschinell in die richtige Größe.

Ist der Ofen mit den Objekten gefüllt ist, wird die Ofentür zugemauert. Nur die Öffnung vorne, durch die man das Holz hineinwirft, bleibt offen. Um den Ofen befeuern zu können, wird bei langen Brennzeiten eine zweite oder mehrere Personen benötigt, da es unmöglich ist, dies alleine Tag und Nacht zu bewältigen. Das Feuer wird zunächst mit Gas vorbereitet bis es 200 Grad erreicht hat, dann langsam in den Ofen hineingeführt, so dass sich die Temperatur allmählich steigert, schließlich wird das Feuer bis zu der gewünschten Temperatur – 1200 Grad und mehr – hochgefahren.

Je mehr sich das Feuer ausbreitet, entsteht eine starke Luftbewegung, das Feuer sucht sich seinen Weg durch die Zwischenräume der Keramiken. Die Asche fliegt mit der Flamme durch den Ofen und sammelt sich auf der Ware. Es entsteht die für einen Anagama-Ofen charakteristische „Aschenglasur“. Deshalb müssen die Stücke auch vorher nicht glasiert werden. Flammen, Rauch und Flugasche hinterlassen ihre Spuren auf den Objekten. Manche Keramiken werden auch mehrmals – bis zu zehn Mal – gebrannt, was die Farbgebung natürlich stark beeinflusst. Nach Beendigung des Holzbrandes folgt der Vorgang der langsamen Abkühlung: In der Regel entspricht er der Dauer des Brennvorgangs.

Es folgt das Ausräumen des Ofens. Die Aufregung ist groß. Was verbirgt sich im Inneren des versiegelten Anagamas? Der zugemauerte Ofeneingang wird aufgebrochen. Vorsichtig werden die Kunstwerke heraus genommen. Es beginnt das Entdecken der Besonderheit eines jeden Stückes – der Wechsel von Farbigkeit, von Glanz, von Rausein und Glattsein. Denn das Arbeiten mit diesem Material in dieser Technik bedeutet immer ein Sich-Einlassen auf einen gestalterischen Prozess mit dem Unvorhersehbaren.

Die Ästhetik der Produkte
Die Ausstellung zeigt charakteristische Exponate dieser beschriebenen Anagama-Technik und belegt die ungebrochene Tradition der japanischen Keramikkunst. Houshido geht es bei der Gestaltung seiner Objekte nicht um Modeerscheinungen, um das, was en vogue ist. Er folgt dem, was sich durch ihn ausdrücken möchte. Auch geht es ihm nicht darum, dem Betrachter Grenzen aufzuzeigen oder Bewertungen aufzudrängen, sondern er möchte Räume öffnen, Assoziationen anstoßen. Nur mit dieser Unvoreingenommenheit des Künstlers bietet sich auch für den Betrachter die Freiheit neuer Sichtweisen mit vielen Facetten.

Das Bereichernde für mich an dem Menschen und Künstler Houshido ist, dass er mir trotz seiner hohen Sensibilität das Gefühl des Mittendrinseins im Leben, das Gefühl der Bodenständigkeit – im wahrsten Sinn des Wortes vermittelt. Wie das Material Erde, mit dem er arbeitet, ist er auch als Mensch und als Künstler geerdet. Darin liegen auch die Kraft und die Authentizität seines Werkes.

Bei Betrachtung seiner Exponate wird eine Ästhetik mit Vorliebe für Schlichtheit, Sparsamkeit und Asymmetrie deutlich. Die Schlichtheit und Sparsamkeit in dem Werk von Houshido beruhen auf der schwierigen Kunst des Weglassens. Er beschränkt sich auf das Wesentliche. Nicht das bis ins Detail in Ton Ausgeformte und mit reichem Dekor Versehene hat Vorrang, sondern die schlichten klaren Formen. Hier spiegelt sich die japanische Ästhetik der „Geschmackvollen Einfachheit“ (wabi) wieder. Aber auch der Aspekt der Asymmetrie findet sich in seinen Exponaten. Kompositionen, in denen Fläche oder Gegenstand asymmetrisch gestaltet sind, verleihen dem Kunstwerk eine besondere Spannung.

Die Keramiken von Houshido sind Schöpfungen von stillem und zugleich dynamischem Charakter. Je nach Gestaltung der Keramiken vor dem Brand und der Zufälligkeiten, die diese durch den Brand erfahren, ob fein oder grob strukturierte Oberflächen, ob schrundig, rissig, offenporig, ob von erdhaft matter oder kräftiger Farbe gezeichnete frei geflossene Glasuren – diese Exponate sind in ihrer scheinbaren Unvollkommenheit vollkommen, haben etwas Einmaliges und das macht ihren Reiz aus.

Viele dieser formschönen Gefäße, die auch durch ihre von der greifenden Hand erlebten plastisch-taktilen Qualitäten wirken, dienen einer bestimmten Funktion: Teeschalen für die in Japan geschätzte Tee-Zeremonie oder Vasen für das ebenfalls geschätzte Ikebana, die japanische Kunst des Blumensteckens, schlichte Schalen auf die er ein Blatt, eine Blüte, einen Stein oder ein bisschen Moos legt.

Universal Garden
Ein weiteres Arbeitsfeld von Houshido steht unter dem Thema „Universal Garden“: Es sind Garten-Installationen, von ihm gestaltete „Gartenlandschaften aus Keramik“, eine „Gartenlandschaft en miniature“ so zu sagen. Hier ist er durch die japanische Tradition von Bonsai und Bonseki geprägt. Das Wort bonsai besteht aus den beiden Schriftzeichen bon (Schale) und sai (Pflanze) und bedeutet „Anpflanzung in der Schale“, bonseki (bon: Schale, Tablett; seki: Stein) bedeutet „Miniaturlandschaften in Töpfen oder auf Tabletts“.

In Houshidos Universal Garden schwingt zwar das Traditionelle durchaus mit, aber in der Umsetzung seiner Ideen geht er sehr eigene Wege, die oft eine bizarre und außergewöhnliche Natürlichkeit offenbaren. Diese Gartenlandschaften aus Keramik dienen der Betrachtung und Kontemplation. Wasser, gestalteter Ton als natürlicher Fels, Bambus, verwitterte Baumwurzeln, Kies, Moos – aus diesen wenigen Bausteinen entstehen Kunstwerke auf Tabletts oder auf dem Boden – unterschiedlich in ihrer Größe. Das Besondere an diesen Installationen, was auf den ersten Blick nicht auffällt, ist, dass Schalen, Krüge usw. in die Installation so integriert sind, dass das Gesamtbild als natürlich gewachsene Landschaft in ihrer Sanftheit aber auch mit all ihren Ecken und Kanten erscheint. Diese Landschaften en miniature stehen in ihrer Reduziertheit dem künstlerischen Wesen eines jeden noch so großen im Freien angelegten Gartens nicht nach. Und wie die großen japanischen Gärten wollen diese keramischen Kunstwerke, die Beziehung zwischen den Naturelementen einerseits und der belebten Natur und dem Menschen andererseits darstellen. Sie sprechen vom Werden und Vergehen. Sie sprechen vom Gefühl für Schlichtheit, das in jedem Menschen vorhanden ist.

Aber dem Künstler geht es noch um mehr. Er fragt uns: „Was bedeutet Natur für uns heute, welchen Stellenwert nimmt sie in unserem persönlichen Leben, in unserer Gesellschaft ein?“ Wir würden den Künstler Houshido falsch verstehen, wenn wir meinten, er möchte uns ein Stück heile Welt zeigen – eine heile Welt, die längst vergangen ist angesichts der Naturkatastrophen und der von Menschen vielerorts zerstörten Natur. Wenn wir uns auf diese Kunstwerke en miniature einlassen, lassen sie viele, viele Assoziationen zu, tragen Fragen an uns heran, führen uns unweigerlich zum Nachdenken über unser heutiges Verständnis von Natur und Mensch, über den sinnvollen Umgang mit der Natur. Denn künstlerisches Schaffen beinhaltet für Houshido nicht einfach Nachahmung der traditionellen Ästhetik und ihrer Werte, sondern die permanente Neuaneignung der Tradition in der Gegenwart und damit Einflussnahme auf die Zukunft.